Heike Geißler
Michaela Kohlhaas
Als ich hörte, dass Heike Geißler – deren Essay Verzweiflungen mich im vergangenen Jahr über alle Maßen begeistert und berührt hat – einen Roman schreibt, der Michaela Kohlhaas heißen würde und als ich dann auch noch das Cover sah (silbernes Schwert auf rotem Hintergrund), habe ich diesem entgegengefiebert wie selten einem Buch. Tatsächlich habe ich den Roman bei Erscheinen verschlungen und bin und war beglückt wie beeindruckt, wenn auch etwas anders, als ich es erwartet hatte.
Statt eines Pferdehändlers auf Rachefeldzug bricht hier eine angepasste, kleinbürgerliche Friedhofsverwalterin auf und aus. Ein Jahr lang verfolgen wir Aufbruch und Niedergang der Michaela Kohlhaas aus der Perspektive einer mit ihr bekannten Mutter, die das Geschehen mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Neid und Vorsicht, aber uneingeschränkter Faszination schildert. Anstelle des einen großen erlittenen Unrechts, geht es der Kohlhaas um nicht weniger als um ALLES (in diesem Fall z.B. sämtliche Unwegsamkeiten des modernen bürgerlichen Lebens mit seinen endlosen Ungerechtigkeiten und einer nach Gewinn und Geltung strebenden, immer weniger solidarischen, stattdessen wieder Kriege führenden Gesellschaft).
So verlässt sie im Januar – zunächst in Tücher und Decken gehüllt, später mit Planwagen – Wohnung und bisheriges Leben, um sich fortan jeglichen Erwartungen zu entziehen. Ohnehin unverheiratet und kinderlos verweigert sie von nun an auch Lohnarbeit, Körperpflege und Höflichkeiten; zieht fluchend, schimpfend und stinkend durchs Land.
Wer nun aber »Action« erwartet, eine großartige Entwicklung, einen Kampf, gar einen Mord (es gibt ein Schwert, aber das ist im Gegensatz zu seinem Vorbild auf dem Cover lediglich aus Holz), der mag von der Erzählung enttäuscht sein. Wer nach eindeutigen Parallelen zu Kleists Novelle sucht, wird eher in einzelnen Namen und Andeutungen fündig. Mir jedoch zeigt sich genau hier das Genie der Autorin, die die Verweigerung ihrer Heldin über die Handlungsebene hinaustreibt, sodass sich gewissermaßen die Erzählung selbst verweigert und mit geschürten Erwartungen bricht.
Spannend ist der Roman dennoch ungemein, denn Heike Geißlers Sprache ist so unglaublich präzise, rhythmisch, klassisch wie fantasievoll, dass sie es meiner Meinung nach allemal mit der Kleists aufnehmen kann.
Joke Colmsee
Suhrkamp Verlag , gebunden , 253 Seiten
24.00 €
978-3-518-43280-8
19.05.2026
Michaela Kohlhaas
Als ich hörte, dass Heike Geißler – deren Essay Verzweiflungen mich im vergangenen Jahr über alle Maßen begeistert und berührt hat – einen Roman schreibt, der Michaela Kohlhaas heißen würde und als ich dann auch noch das Cover sah (silbernes Schwert auf rotem Hintergrund), habe ich diesem entgegengefiebert wie selten einem Buch. Tatsächlich habe ich den Roman bei Erscheinen verschlungen und bin und war beglückt wie beeindruckt, wenn auch etwas anders, als ich es erwartet hatte.
Statt eines Pferdehändlers auf Rachefeldzug bricht hier eine angepasste, kleinbürgerliche Friedhofsverwalterin auf und aus. Ein Jahr lang verfolgen wir Aufbruch und Niedergang der Michaela Kohlhaas aus der Perspektive einer mit ihr bekannten Mutter, die das Geschehen mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Neid und Vorsicht, aber uneingeschränkter Faszination schildert. Anstelle des einen großen erlittenen Unrechts, geht es der Kohlhaas um nicht weniger als um ALLES (in diesem Fall z.B. sämtliche Unwegsamkeiten des modernen bürgerlichen Lebens mit seinen endlosen Ungerechtigkeiten und einer nach Gewinn und Geltung strebenden, immer weniger solidarischen, stattdessen wieder Kriege führenden Gesellschaft).
So verlässt sie im Januar – zunächst in Tücher und Decken gehüllt, später mit Planwagen – Wohnung und bisheriges Leben, um sich fortan jeglichen Erwartungen zu entziehen. Ohnehin unverheiratet und kinderlos verweigert sie von nun an auch Lohnarbeit, Körperpflege und Höflichkeiten; zieht fluchend, schimpfend und stinkend durchs Land.
Wer nun aber »Action« erwartet, eine großartige Entwicklung, einen Kampf, gar einen Mord (es gibt ein Schwert, aber das ist im Gegensatz zu seinem Vorbild auf dem Cover lediglich aus Holz), der mag von der Erzählung enttäuscht sein. Wer nach eindeutigen Parallelen zu Kleists Novelle sucht, wird eher in einzelnen Namen und Andeutungen fündig. Mir jedoch zeigt sich genau hier das Genie der Autorin, die die Verweigerung ihrer Heldin über die Handlungsebene hinaustreibt, sodass sich gewissermaßen die Erzählung selbst verweigert und mit geschürten Erwartungen bricht.
Spannend ist der Roman dennoch ungemein, denn Heike Geißlers Sprache ist so unglaublich präzise, rhythmisch, klassisch wie fantasievoll, dass sie es meiner Meinung nach allemal mit der Kleists aufnehmen kann.
Joke Colmsee
