Ben Lerner
Transkription
Ein Mann fährt an seinen alten Studienort zurück, um seinen mittlerweile neunzigjährigen Mentor noch einmal zu interviewen. Doch kurz vor dem Treffen schrottet er sein Aufnahmegerät und hat keine Zeit mehr, ein neues zu besorgen. Das verheimlicht er aber dem Interviewpartner, obwohl: Was heißt hier Partner? Die klassische Frage-Antwort-Form eines Interviews scheitert schon an den sich immer ausschweifender gestaltenden Monologen des alten, großen Denkers – wer interviewt hier eigentlich wen? Und was macht der ehemalige Schüler danach tatsächlich aus den nur in das eigene Gedächtnis aufgenommenen Erinnerungen seines früheren Lehrers? Aber diese Situation ist eher wie ein Vorspann zur eigentlichen Geschichte, denn noch während dieses Gespräches, vor allem aber danach, nehmen skurrile, wundersame, berührende, erinnerungswürdige, schräge, schöne und weniger schöne Dinge ihren Lauf.
Wer sich auf Ben Lerners vielschichtige Sprachmagie einlässt, für den wird die Lektüre eine Freude sein. Ein virtuoses Spiel mit zeitlichen Ebenen, mit verschachtelten Verschiebungen zwischen digitalen Realitäten, Träumen und scheinbaren Wirklichkeiten, immer wieder auf eine sehr persönliche, mitfühlende Art nahegebracht – es steigt unglaublich viel Magie zwischen den Buchdeckeln empor, obwohl es nicht gerade die poetischen Themen sind, die in Transkription erörtert werden. Kulturgeschichtliche Streifzüge wechseln sich mit modernen Erziehungsfragen und komplexen Vater-Sohn-Problemen ab, wir werden an die fernen Zeiten des analogen Miteinanders erinnert, an einst so wichtige Dialoge zwischen Wissenschaft und Kunst.
Was dem Autor aber bei aller Vielschichtigkeit und Komplexität der heutigen ausufernden medialen Möglichkeiten besonders wichtig scheint, ist etwas ganz Einfaches: Dass es immer und immer wieder darauf ankommt, miteinander und nicht über- oder gegeneinander zu kommunizieren. Das geht – auch im Roman – nicht ohne Fehler und Missverständnisse ab, es kommt zu Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsversuchen, aber glücklicherweise steht am Ende solcher Prozesse oft mehr als nur das nüchterne Resümee einer Beziehungsgeschichte. Und mitunter kommt dabei sogar etwas ganz Wunderbares heraus. So wie dieses Buch.
Georg Giesebrecht
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Suhrkamp Verlag , gebunden , 152 Seiten
24.00 €
978-3-518-43275-4
11.03.2026
Transkription
Ein Mann fährt an seinen alten Studienort zurück, um seinen mittlerweile neunzigjährigen Mentor noch einmal zu interviewen. Doch kurz vor dem Treffen schrottet er sein Aufnahmegerät und hat keine Zeit mehr, ein neues zu besorgen. Das verheimlicht er aber dem Interviewpartner, obwohl: Was heißt hier Partner? Die klassische Frage-Antwort-Form eines Interviews scheitert schon an den sich immer ausschweifender gestaltenden Monologen des alten, großen Denkers – wer interviewt hier eigentlich wen? Und was macht der ehemalige Schüler danach tatsächlich aus den nur in das eigene Gedächtnis aufgenommenen Erinnerungen seines früheren Lehrers? Aber diese Situation ist eher wie ein Vorspann zur eigentlichen Geschichte, denn noch während dieses Gespräches, vor allem aber danach, nehmen skurrile, wundersame, berührende, erinnerungswürdige, schräge, schöne und weniger schöne Dinge ihren Lauf.
Wer sich auf Ben Lerners vielschichtige Sprachmagie einlässt, für den wird die Lektüre eine Freude sein. Ein virtuoses Spiel mit zeitlichen Ebenen, mit verschachtelten Verschiebungen zwischen digitalen Realitäten, Träumen und scheinbaren Wirklichkeiten, immer wieder auf eine sehr persönliche, mitfühlende Art nahegebracht – es steigt unglaublich viel Magie zwischen den Buchdeckeln empor, obwohl es nicht gerade die poetischen Themen sind, die in Transkription erörtert werden. Kulturgeschichtliche Streifzüge wechseln sich mit modernen Erziehungsfragen und komplexen Vater-Sohn-Problemen ab, wir werden an die fernen Zeiten des analogen Miteinanders erinnert, an einst so wichtige Dialoge zwischen Wissenschaft und Kunst.
Was dem Autor aber bei aller Vielschichtigkeit und Komplexität der heutigen ausufernden medialen Möglichkeiten besonders wichtig scheint, ist etwas ganz Einfaches: Dass es immer und immer wieder darauf ankommt, miteinander und nicht über- oder gegeneinander zu kommunizieren. Das geht – auch im Roman – nicht ohne Fehler und Missverständnisse ab, es kommt zu Schuldzuweisungen und Rechtfertigungsversuchen, aber glücklicherweise steht am Ende solcher Prozesse oft mehr als nur das nüchterne Resümee einer Beziehungsgeschichte. Und mitunter kommt dabei sogar etwas ganz Wunderbares heraus. So wie dieses Buch.
Georg Giesebrecht
