Roberto Bolaño

2666

Da Bolaños Romanzyklus in fünf Romanen schon ausgiebig in Feuilletons und Literatursendungen im Umfeld der Buchmesse besprochen wurde, hier nur noch ein kurz gehaltener, aber vehementer Hinweis auf diese fantastische literarische Rolltreppe in die Abgründe menschlicher Existenz. Der Leser wird nach scheinbar harmlosem Beginn im universitären Umfeld einem bedrückenden Abstieg ausgesetzt, um dann bei den grausam nüchtern protokollierten Frauenmorden in Santa Theresa (nach dem realen Vorbild der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez und wohl zugleich als Verweis auf Juan Carlos Onettis fiktiven Ort Santa Maria) und schließlich dem Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs irritiert und unsanft zu „landen“. Absolut herausragende Literatur! Aber nun zum gerade erschienenen Roman „Die Vergangenheit“ von Alan Pauls, der wiederum – skurril genug – mit einem Zitat des 2003 verstorbenen Autors von „2666“ als „Einer der größten lebenden Autoren Südamerikas!“ auf dem Umschlag beworben wird. Beide Titel hat der somit doppelt kongeniale Übersetzer Christian Hansen, den es hier überschwänglich zu loben gilt, aus dem Spanischen übertragen. Pauls ist Proust auf argentinisch, mit kräftiger Fleischbeilage, von immenser Sprachkraft, stilistischer Brillanz und dem Mut zu mäandernden Sätzen und nuancenreichen Abschweifungen. Die Handlung – eine Liebesbeziehung, eine Trennung, einige Affären, Eifersucht... – tritt meist dezent hinter der Sprache zurück, verliert sich im fast zeitlosen Raum, in einem schemenhaften Buenos Aires. Auch ein weitschweifiger Exkurs über die fiktive Malergestalt und „Sick Art“-Vertreter Riltse (ein Anagramm auf den Maler Estlir bei Proust in der „Recherche“) dient hauptsächlich als Folie für ein hochsubtiles Wort-Schweifen im Ungefähren. Der Roman ist mit seinen über 500 Seiten vielleicht etwas zu lang geraten, aber das ist angesichts der unglaublichen Sprachkunst zu vernachlässigen und verzeihlich.  Lesen Sie unbedingt „2666“ und „Die wilden Detektive“ von Bolaño, schnellstmöglich „Die Vergangenheit“ von Alan Pauls und dringend auch wieder Juan Carlos Onetti!

Dietmar Zuber,

Aus dem Spanischen von Christian Hansen

Hanser  |   Hardcover  |   1093 Seiten  |   29.90 €  |   ISBN: 978-3-446-23396-6  |