Rayk Wieland

Ich schlage vor, dass wir uns küssen

So was kann man sich nicht ausdenken: Da bekommt Herr W. eine Einladung, auf dem Symposion für unterdrückte Dichter in der DDR aus seinem Werk zu lesen. Aber Herr W. war nie ein unterdrückter Dichter, er hat noch nicht mal gedichtet – wenn man von seiner pubertären Liebes-Lyrik absieht, mit der er seine Briefe an die geliebte (Brief-)Freundin aus dem Westen aufpeppte. Doch genau um diese Lyrik geht’s – sie wäre zu Recht vergessen und verschollen, hätte die Stasi sie nicht akribisch gesammelt, aufbewahrt und interpretiert. Unfassbar: Da hat ein Geheimdienst nichts Besseres zu tun, als die völlig harmlosen, schwülstig gereimten Liebesbeteuerungen eines Heranwachsenden über Jahre hinweg auf Staatsfeindlichkeit abzuklopfen – ein Staat, der so etwas tut, geht aus gutem Grund unter.
Man hätte viel falsch machen können bei der Literarisierung dieser wahren Geschichte; Rayk Wieland aber macht alles richtig und legt mit seinem ersten Roman ein hochnotkomisches, stilistisch einwandfreies Buch vor, das endlich einen Schlussstrich unter das „Das Leben der anderen“-Gedöns im „20 Jahre Wende“-Rausch zieht und die erbärmlichen Machenschaften der Stasi der Lächerlichkeit preisgibt.

Jess Jochimsen, lebt als Autor, Kabarettist und Fotograf in Freiburg

Kunstmann  |   Hardcover  |   206 Seiten  |   17.90 €  |