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josfritz Buchhandlung Freiburg
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Jess Jochimsen empfiehlt:

Jakob Hein

Den Sport- und Geschichtslehrer Bernd Höcke und ein paar andere Revisionisten einmal ausgenommen, herrscht unter HistorikerInnen Einigkeit darüber, dass sich die deutsche Militärführung im Ersten Weltkrieg einen (aus heutiger Sicht absurd klingenden) raffinierten Schachzug einfallen ließ: Um den Krieg möglichst rasch zugunsten Deutschlands zu entscheiden, sollte der damals verbündete türkische Sultan dazu bewegt werden, den Dschihad auszurufen. Würden sich alle Muslime (vor allem die in den Kolonien), so der Plan, im „Heiligen Krieg“ gegen die britischen und französischen Gegner erheben, müsste die Schlacht schnell entschieden sein. So weit, so bekannt. Weniger bekannt sind die „geheimen Militäraktionen“, die sich der Militärstab Wilhelm II. zu diesem Behufe hat einfallen lassen, und von einer dieser Aktionen erzählt Jakob Hein in seinem neuen Buch. „Manche Geschichten“, so der Autor selbst, „würde einem der Leser nicht abnehmen, weil sie zu fantastisch, zu bizarr und zu konstruiert klingen. Aber diese Geschichte ist so passiert.“

Um die Gunst des Sultans zu gewinnen, soll eine Gruppe von vierzehn muslimischen Kriegsgefangenen aus Berlin möglichst unauffällig nach Konstantinopel geschmuggelt werden, um sie dort – in einer medienwirksamen Inszenierung – freizulassen. Betraut mit dieser Operation wird der jüdische (!) Leutnant Edgar Stern, und nicht nur er weiß, dass es (auch) damals keine einfache Sache war, vierzehn exotisch anmutende, junge Männer ohne größeres Aufsehen mit der Bahn durch verschiedene Länder zu schleusen (die teilweise alles andere als klar auf deutscher Seite standen). Es ist Sterns Chuzpe und seiner genialen Idee, die Gefangenen als Zirkustruppe zu tarnen, zu verdanken, dass diese Reise nicht schon an den Grenzen Österreich-Ungarns oder Rumäniens endet. Wie sie endet (und wie das später mit dem Dschihad funktionieren wird), darf nicht verraten werden. Wohl aber, dass Jakob Hein aus einer kuriosen historischen Vorlage einen großartigen, so witzigen wie ernsthaften Roman gemacht hat. (Sensationell die Passage, in der die deutsche Diplomatie die türkischen Verbündeten erst auf jene Sure im Koran aufmerksam macht, die eine „weite“ Auslegung des „Heiligen Krieges gegen die Feinde des Islam“ ermöglicht!)

Sprachlich genau und hinreißend gebaut, erzählt Jakob Hein die – ich lege mich fest – schönste Abenteuergeschichte des Jahres. Ein Roman, der ein interessantes Licht auf die lange Geschichte des deutsch-türkischen Verhältnisses wirft. Ein Roman – dies den „Heimat-Ministern“ und „Wieder-stolz-sein-Wollern“ ins Stammbuch – zur rechten Zeit.

Cover Die Orient-Mission

Klaus Bittermann

Bei so genannten „Vater-Sohn-Büchern“ ist höchste Vorsicht geboten, in neun von zehn Fällen geraten sie zu peinlichen Nabelschauen erzählmüder »Schreibtisch-Väter« (Wiglaf Droste).

Klaus Bittermanns Der kleine Fup ist der zehnte Fall. Und der zwanzigste und dreißigste gleich mit. Jede einzelne der siebzig Miniaturen dieses Bandes enthält mehr Welt und Wahrhaftigkeit als ein ganzer Stapel Kolumnen-Bände. So kann man es machen! Der kleine Fup ist ein gescheites, anrührendes und wunderbar komisches Werk, es ist „Der kleine Nick“ der Gegenwart.

Cover Der Kleine Fup

Jess Jochimsen, 1970 in München geboren, lebt als Autor und Kabarettist in Freiburg. Zuletzt erschienen sein hochgelobter Roman Abschlussball sowie die Erzählsammlung Mama und Papa hatte ich nicht, ich musste Renate und Eberhard sagen – beide bei dtv.  Das von ihm und Anja Schöne übersetzte Kinderbuch Wazn Teez von Carson Ellis ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert.

Derzeit tourt Jess Jochimsen mit seinem Bühnenprogramm „Heute wegen Gestern geschlossen“, das nächste Mal in Freiburg am 22.7. 2018 auf dem ZMF.

www.jessjochimsen.de